»Ruud van Empel«. Von Maren Kirchhoff und Kai Brückner (TZR Galerie)
Sampling
Der holländische Künstler Ruud van Empel bedient sich für die Herstellung seiner Arbeiten unterschiedlichster technischer Bildquellen: Unter Verwendung von Fotografien, Scans oder Abbildungen aus Printmedien lässt er auf dem Computerbildschirm Bäume, Blumen, Blätter, Tiere und Personen im Sinne einer Collage zu künstlichen Landschaften zusammenwachsen.
Diese Vorgehensweise entwickelt der Künstler bereits 1996 in der ersten Serie "The Offices", die deutlich auf seine frühere Arbeit als SetDesigner bei Fernsehproduktionen verweist. Der collagierte Aufbau der einzelnen "Offices" entspricht dem eines TVStudios: Vor einem nur scheinbar dreidimensionalen Raum sind die Figuren wie Nachrichtensprecher passiv hinter jeweils einem Sprecher oder Arbeitstisch platziert. Schon hier verwendet der Künstler verschiedenste Bildquellen wie gescante Gegenstände, Fotografien und Zeitungsabbildungen um seine an Bühnenbilder erinnernden Arrangements auf dem Bildschirm zu erarbeiten. Im Vordergrund steht dabei nicht eine naturgetreue, den Regeln der Proportion und Perspektive folgenden Darstellung, sondern vielmehr die Organisation der Bildgegenstände im Sinne einer flächenbezogenen Komposition, in der der Mensch als Mittelpunkt seine Bestimmung und Charakterisierung erst im Zusammenwirken den ihn umgebenden Gegenstände erhält.
Ein derartiger, computergestützter Fertigungsprozess, am ehesten mit dem "Sampling" in der Musik zu vergleichen, ist neuartig in der Kunstgeschichte und hat keine direkten Bezüge zu historischen Formen der Collage. Er ist vielmehr bereits selber Vorbild geworden für andere aktuelle Positionen der digitalen Kunst.
Harmonie
Vorbilder für van Empels Computerlandschaften sind dagegen in der Malerei des ‚Naiven Realismus' zu finden. Mit stilistischen Mitteln wie der Verschiebung von Proportionen, Lichtführung und Detailzeichnungen strebt er nach ausgewogenen Kompositionen. Wie schon bei den naiven Laienmalern dieser Strömung erscheinen auch seine Bildwelten vor allem harmonisch, friedvoll und schön.
In der neusten Serie "World" wählt van Empel die Natur als Kulisse, mit der er an seine 2003 gefertigte Serie "Study in Green" anknüpft. Obwohl die üppigen Wälder in beiden Werkgruppen aus Einzelstücken gesampelt sind, wirken sie doch wie gewachsen eine harmonische und zugleich magische Szenerie, die wiederum Assoziationen zu der Malerei der "Naiven Realisten" und insbesondere Henri Rousseaus späten Urwaldbildern weckt.
Märchenhafter Realismus
Van Empels Bildstrategie basiert auf dem von Vasily Kandinsky gefunden Begriff des ‚Großen Realen'. Seine Cibachromeprints erzielen hinter Plexiglas den Eindruck extremer Dreidimensionalität. Die Dinge erscheinen äußerst plastisch und damit sehr präsent. Der Künstler stattet die Gegenstände seiner Bilder so mit einer maximalen Wirklichkeitsbehauptung aus. Die hyperrealistische Dingdarstellung einerseits und der deutlich collagierte Bildaufbau andererseits, der den Charakter eines synthetischen Konstruktes unterstreicht, erzeugen ein Spannungsfeld zwischen Realität und Phantasie, ähnlich der mystischen Atmosphäre von Märchen.
Dieser Effekt zeigt sich insbesondere in den reinen Waldmotiven der "Study in Green" Serie. Die dichten Waldstücke wirken ohne die Anwesenheit eines Menschen in ihrer Offenheit oder Leere besonders geheimnisvoll und spooky. Sie erzeugen eine ungebremste Neugierde, den Wunsch, hinter die Bäume zu sehen.
Einer klassischen Vorgehensweise in der Fotografie bedient sich van Empel, indem die Präsentation seiner Werke dem Grundprinzip der Serialität folgt. Die Abfolge mehrer Bilder gleicht einer Erzählung und potenziert die Anziehungs und Wirkkraft seiner Kunst auf den Betrachter.
Innerhalb seiner Serien "Study in Green" oder "World" wechseln sich Bilder mit und ohne Personenmotiven ab, so dass die Aufmerksamkeit des Betrachters zwischen der verlockenden Kulisse der Wälder auf der einen Seite und der Konfrontation mit dem persönlichen Gegenüber auf der anderen Seite pendelt.
Personal
Der personelle Bestand der van Empelschen Bilder Erwachsene ("Offices"), Frauen ("Naarden Studies"), Babies ("Babies") oder Kinder (Study in Green, Neighbourhood und World") lenkt die Assoziationen auf unterschiedlichste Inhalte, thematische Linien, die sich mit Blick auf die Ausstattungsdetails bis zu einem gewissen Grad konkretisieren lassen. Europas harmoniesüchtig bigotte Nachkriegszeit (weiße Socken und Kleider), Gentechnologie (Babies), Kleinbürgerliche Enge (Neighbourhood) oder ZweiklassenWeltgesellschaft und Globalisierung (sportbekleidete schwarze Kinder) sind die Themen, die den hübsch anzusehenden, paradiesischen Urnaturen ihre realitätsbezogenen Brüche verleihen.
Die große Gruppe der serienübergreifenden Kinderdarstellungen scheint als Leitmotiv für eine Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen eher befremdlich. Doch gibt es auch hierfür Beispiele in der Kunst und Fotogeschichte. Man denke nur an Velasquez' "Las Meninas" oder Diane Arbus' "Child with a toy hand grenade in Central Park".
Die Ernsthaftigkeit und Last der Erwachsenenrealität erscheint gespiegelt an der Figur eines Kindes, das für Geborgenheit, Unschuld und naive Weltsicht steht, in besonderer Weise deutlich und hervorgehoben.
Ernsthaft und zu Auseinandersetzung auffordernd erwidern die Kinder in van Empels Bildern den Blick der Betrachter.
Aus der Mitte einer von Seerosen, Schilf, Blättern und Zweigen bedeckten Wasserlandschaft ragt der Kopf eines schwarzen Kindes, das den Blick des Betrachters mit großen, scheuen Augen geradewegs erwidert. Aber so sehr der Blick des Kindes auch die Aufmerksamkeit auf sich zieht, versinkt es doch gleichzeitig in der Farbenpracht und
quasinatürlichen Vielgestalt der Umgebung. Wie in "World # 5" befinden sich die Kinderfiguren häufig inmitten von dicht und üppig gewachsenen Dschungelwäldern und blicken mit ebenso stummer und ernster, aber keineswegs ängstlicher Miene drein, so dass die kindliche Unschuld zugleich süß und befremdlich wirkt. Der so erzeugte spannungsgeladene Anschauungsprozess regt an und steigert die Lust an der selbsttätigen Reflektion und die Sensibilität für die anklingenden Themenkomplexe. Anders als etwa in den häufig mit ihm verglichenen Arbeiten der Künstlerin Loretta Lux ist das Spektrum seiner Themen vielfältig. Die technische und inhaltliche Komplexität seines Werkes zeigt dies deutlich. Der Künstler Ruud van Empel lebt wachen Auges in der Jetztzeit. |